ZRI 2026, 764

RWS Verlag Kommunikationsforum GmbH & Co. KG, Köln RWS Verlag Kommunikationsforum GmbH & Co. KG, Köln 2699-0490 Zeitschrift für Restrukturierung und Insolvenz ZRI 2026 AufsätzeMaurice Hühn*

Die absolute Prioritätsregel als Anreiz für Forum Shopping

Das englische Restrukturierungsrecht als Ziel für deutsche Unternehmen

In den vergangenen Jahren lässt sich in der Restrukturierungspraxis ein bemerkenswerter Trend beobachten: Trotz der Schaffung eines modernen, präventiven Restrukturierungsrahmens in Deutschland durch das StaRUG zieht es deutsche Unternehmen – wie etwa im Fall der Adler Group1 – für ihre finanzielle Restrukturierung vereinzelt weiterhin nach London. Ziel dieser Abwanderung ist das englische Part 26A Restructuring Plan-Verfahren. Dieses Phänomen des Forum Shoppings wirft drängende Fragen nach den Ursachen und den Stärken der jeweiligen Rechtsordnungen auf.
Ein zentraler Unterschied, der sich in der Praxis einen maßgeblichen Anreiz für die Wahl des englischen Rechts erweist, liegt im Umgang mit gruppenübergreifenden Mehrheitsentscheidungen und dem damit verbundenen Minderheitenschutz.2 Während die sogenannte absolute Priorität im deutschen StaRUG streng gesetzlich kodifiziert ist und einem starren Prüfungsmaßstab folgt, hat der englische Gesetzgeber bewusst auf eine ausdrückliche Regelung verzichtet. Die Überwachung der Fairness eines Restrukturierungsvorhabens unterliegt hier der flexibleren Einzelfallwürdigung durch den englischen High Court of Justice.
Dieser Aufsatz geht der These nach, dass gerade die schwächere beziehungsweise flexiblere Ausgestaltung des Prüfungsmaßstabs in England im Einzelfall ausschlaggebend sein kann, um deutsche Unternehmen zur Sitzverlegung mit dem Ziel der Nutzung des englischen Restrukturierungsrechts zu bewegen. Hierzu werden die Regelungen zur absoluten Priorität im englischen und deutschen Restrukturierungsrecht rechtsvergleichend analysiert, um den Einfluss der unterschiedlichen gesetzgeberischen Ausgestaltungen auf die Praxis des Forum Shoppings zu bewerten.
*
*)
M. iur., Doktorand am Institut für Internationales Wirtschaftsrecht an der Universität Münster, Rechtsreferendar am Oberlandesgericht München
1
1)
Vgl. zum englischen Restrukturierungsplan der Adler Group grundlegend High Court of Justice (Chancery Division) v. 21. 4. 2023 – [2023] EWHC 916 (Ch) (Re AGPS Bondco Plc); sowie die darauffolgende, wegweisende Entscheidung im Berufungsverfahren Court of Appeal (Civil Division) v. 23. 1. 2024 – [2024] EWCA Civ 24 (Re AGPS Bondco Plc). Siehe zur Besprechung der Entscheidung Sax/Berkner/Saed, NZI 2024, 357. Ausführlich zu den Gestaltungsspielräumen im Restrukturierungsplan und der kontrovers diskutierten gruppenübergreifenden Gleichbehandlung im deutschen Recht etwa Völker, ZRI 2024, 1098.
2
2)
Vgl. zur weitreichenden Durchsetzung gruppenübergreifender Mehrheitsentscheidungen (cross-class cram-down) gegen Gläubigerminderheiten sowie zu den prozeduralen Grenzen dieser richterlichen Diskretion Court of Appeal v. 23. 1. 2024 – [2024] EWCA Civ 24 (Adler); High Court of Justice v. 5. 5. 2026 – [2026] EWHC 1014 (Ch) (Waldorf Production UK Plc); Court of Appeal v. 1. 7. 2025 – [2025] EWCA Civ 821 (Saipem S.p.A. v Petrofac Ltd); dazu detailliert unter B. I und III.

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